”Hatte ich nicht auf andere Weise gelitten, gemäß dem freudschen Schema eine Melancholie, die aus einer nichtverwundenen Trauer über die ausgeschlagenen Möglichkeiten und abgewiesenen Identifikationen entsteht? Sie überleben im Ich als ein konstitutives Element. Das, wovon man losgerissen wurde oder sich losreißen wollte, bleibt ein Bauteil dessen, was man ist. Vielleicht leistet die Soziologie mit ihrem Vokabular eine bessere Beschreibung dessen, was die Psychoanalyse mit den einfachen, aber letztlich irreführenden Metaphern der “Trauer” und “Melancholie” evoziert: Die Spuren dessen, was man in der Kindheit gewesen ist, wie man sozialisiert wurde, wirken im Erwachsenenalter fort, selbst wenn Lebensumstände nun ganz andere sind und man glaubt, mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Deshalb bedeutet die Rückkehr in ein Herkunftsmilieu, aus dem man hervor- und von dem man fortgegangen ist, immer auch eine Umkehr, eine Rückbesinnung, ein Wiedersehen mit einem ebenso konservierten wie negierten Selbst. Es tritt dann etwas ins Bewusstsein, wovon man sich gerne befreit geglaubt hätte, das aber unverkennbar die eigene Persönlichkeit strukturiert: das Unbehagen, zwei verschiedenen Welten anzugehören, die schier unvereinbar weit auseinanderliegen und doch in allem was ist koexistieren. Eine Melancholie, die aus einem “gespaltenen Habitus” erwächst, um diesen schönen und kraftvollen Begriff Bourdieus aufzugreifen.”
© 2009 Didier Eribon, Rückkehr nach Reims.
Metamorphosen
”[…] heute ist es Arie, morgen wird es ein anderer sein, so viele Anstrengungen, um mehr oder weniger das gleiche zu bekommen, und ein Staunen erfüllte mich, das die Trauer überstieg, ein gleichgültiges, bitteres Staunen über all die Metamorphosen, die mich noch erwarteten, ich fühlte sie im Bauch wie das Strampeln eines Kindes, so viele Metamorphosen, um am Schluss doch nur mehr oder weniger ich selbst zu sein.”
© 1997 Zeruya Shalev, Liebesleben.
Weder Ahnung noch Alternative
”Manchmal sehne ich mich nach den Sechzigerjahren, man konnte sich damals noch in die gute alte Weltordnung hineinkuscheln, wo Ware gegen Geld getauscht wurde, wo man beim Einkaufen nicht die Weltordnung mitentscheiden musste, man kaufte den Hunger in Afrika und Pestizide im Paprika und hatte weder eine Ahnung noch eine Alternative.”
© 2015 Gertraud Klemm, Aberland.
Partitur

“Trag einen schwarzen BH unter einer weißen Bluse, wie zwei Pausenzeichen in einer Partitur.”
© 2018 Mas, Diwan, de Maigret, Berest: How to be Parisian.
© Photocredit: Annemarieke Van Drimmelen.
Suffering
”Suffering had always appeared to me as an opportunity, I said, and I wasn’t sure I would ever discover whether this was true and if so why it was, because so far I had failed to understand what it might be an opportunity for. All I knew was that it carried a kind of honour, if you survived it, and left you in a relationship to the truth that seemed closer, but that in fact might have been identical to the truthfulness of staying in one place.”
© 2018 Rachel Cusk, Kudos.
Loss of instinct
”In England, I said, people liked to live in old houses that had been thoroughly refurbished with modern conveniences, and I wondered whether the same principle might be applied to novels; and if so, whether the blunting loss or loss of our own instinct for beauty was responsible for it.”
© 2018 Rachel Cusk, Kudos.
Neither future nor past
“I noticed that everyone there was around the same age as the married couple, and the absence of anyone older or younger made it seem as though these events were bound neither to the future nor the past, and that no one was entirely certain whether it was freedom or irresponsibility that had untethered them.”
© 2018 Rachel Cusk, Kudos.
Bullies
”Their father – her ex-husband – had relinquished all responsibility for them when the marriage ended: it almost gave him pleasure, Lawrence believed, to see them suffer, partly because their suffering dramatised his own – as bullies enjoy seeing their own fear in their victims – and partly because it was a sure-fire means for punishing Eloise.”
© 2016 Rachel Cusk, Transit.
To desire
”To desire something better required self-control, required an acceptance of the fact that you might not have it for ever and that even if you did you would never feel full to bursting on it. It left you alone with yourself, that desire, […]”
© 2016 Rachel Cusk, Transit.
Another version
”I said I wasn’t sure: when people freed themselves they usually forced change on everyone else. But it didn’t necessarily follow that to stay free was to stay the same. In fact, the first thing people sometimes did with their freedom was to find another version of the thing that had imprisoned them. Not changing, in other words, deprived them of what they’d gone to such trouble to attain.”
© 2016 Rachel Cusk, Transit.